FacebookinstagramDas Neue Land auf YouTubeKostenlose Beratung:

05 11 / 33 61 17 - 30E Mail

 

Einsatzwoche in der Drogenszene und Sommerfest zum 50-jährigen Jubiläum

50 Jahre Neues Land – 50 Jahre Hoffnung leben

thumb 250 Leute 256 überwiegend ehrenamtliche Mitarbeitende aus verschiedenen Berufs- und Lebenshintergründen, darunter 17 ehemals Drogenabhängige, 700 Bratwürstchen, etwa 250 Menschen aus der Drogenszene und 50 Jahre Neues Land – das war das Sommerfest vor dem Drogenkontaktcafé Bauwagen unter der Raschplatzhochbrücke am 26.08.2022. Es war der krönende Abschluss der Einsatzwoche „Summer in the City“, die vom 21.08.-26.08.2022 in der Drogenszene Hannovers stattfand. Die Erlebnisse der Teilnehmenden machen Mut, selbst einmal bei einer Einsatzwoche des Neuen Landes mitzumachen.

thumb Sommerfest gemeinsames Lied 1 „Die vielen Mitarbeitenden von der Woche vorne zu sehen mit dem Lied ‚Wir wollen Hoffnung leben‘, war sehr inspirierend und erfüllend – das macht Hoffnung!“, sagte ein Besucher des Sommerfestes. Es gab auf einer Bühne ein buntes Programm mit Beiträgen und Liedern zu 50 Jahren Neues Land und 25 Jahren SOS-Bistro. Ein hauptamtlicher Mitarbeiter gab einen Rap zum Besten, der ein Eisbrecher war: Die Szene-Gäste machten mit, tanzten und jubelten. Es war eine sehr gute und friedliche Atmosphäre und die Besucher freuten sich über Salate, Würstchen, Kuchen und Getränke, die wir ihnen kostenfrei ausgaben.

Auch Frank Woike, Beauftragter für Sucht und Suchtprävention der Stadt Hannover, und Michaela Michalowitz, stellvertretende Regionspräsidentin, sind zu unserem Sommerfest gekommen, was uns sehr gefreut hat.

thumb Einsatz in DrogenszeneFünf Tage waren Teilnehmende in kleinen Teams zu unterschiedlichen Szeneplätzen, Wohnunterkünften und Methadonvergabestel­len in Hannover unterwegs. Mit Kaffee, Tee, Keksen und Einladungskarten für das Sommerfest kamen sie mit drogenabhängigen und obdachlosen Menschen ins Gespräch. „Manche Gespräche fingen verrückt an: Wir sprachen über das 9 €-Ticket und über alles Mögliche und plötzlich ging es in die Tiefe und es wurde ernst und ehrlich.“, berichtete ein Mitarbeiter. „Als wir am Stellwerk auf der Drogenszene mit der Gitarre angefangen haben zu singen, hat sich die Atmosphäre schlagartig verändert – Gott war spürbar gegenwärtig.“, erzählte eine andere Mitarbeiterin.

thumb Vladimir 2Der Bauwagen hatte jeden Tag schon um 13.00 Uhr geöffnet und viele Eingeladene sind gekommen. Wer mochte, konnte mit Mitarbeitenden über das eigene Leben und die Sucht reden. „Ich bin zufällig am Bauwagen vorbeigekommen, bin stehen geblieben, wurde angesprochen und habe den Aufnahmebogen ausgefüllt, weil ich Hilfe brauche.“, berichtete ein Gast.

Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass wir in der „Summer in the City“-Woche drei drogenabhängige Menschen, die wir schon länger im Kontakt hatten, in eine Entgiftung bringen konnten und bei anderen Beratungsgespräche festgemacht wurden.

Einige Mitarbeitende von „Summer in the City“ haben auch Einsätze in der Drogenszene in Braunschweig, Bremen und Hamburg durchgeführt. Ein Mitarbeiter kam sehr bewegt zurück und erzählte: „In Hamburg gab es eine schwere Atmosphäre auf der Szene – so viel Resignation, Trostlosigkeit und Tod. Ich fragte Gott, wo ich hingehen soll und da sah ich bei einer Gruppe von ca. 30 Personen eine junge Frau, über deren Trostlosigkeit ein Licht schien. Ich ging zu ihr hin, wir redeten lange, es flossen Tränen und es war ein intensives hoffnungsvolles Gespräch möglich.“

thumb Alle Teilnehmende 2Am Ende der Einsatzwoche war das Mitarbeiterteam sehr beschenkt von den vielen von Gott geführten und gesegneten Begegnungen und Gesprächen mit Menschen in der Drogenszene. „Es war großartig, ein Teil des Teams sein zu dürfen.“, äußerten sie. 50 Jahre Neues Land – 50 Jahre Hoffnung leben!

Wir danken ganz herzlich unserem Freundeskreis und allen christlichen Gemeinden, die Gutscheine gekauft, gebetet, Kuchen gespendet und mitgeholfen haben!           

                             

In einem Zeitungsartikel der Neuen Presse wurden folgende Berichte von drei ehemals drogenabhängigen Mitarbeitenden veröffentlicht:

Axel H.: Vom erfolgreichen Strafverteidiger zum Süchtigen

Axel H. war einmal das, was man sich unter einem erfolgreichen Strafverteidiger vorstellt. Smart, eloquent, attraktiver Workaholic mit zahlungskräftigen Mandanten, schöner Wohnung, schönem Auto, toller Frau und immer gut drauf. Dass sich so ein Erfolgsmodell mal eine Nase Koks reinzieht: geschenkt! Nein, geschenkt war das nicht. Kokain für 15.000 bis 20.000 Euro monatlich hat Axel H. zuletzt konsumiert. Immer bevor der depressive Absturz, die große Leere folgte, zog er sich noch schnell das weiße Pulver hinein, und schon funktionierte er wieder. Und das immer öfter. In immer kürzeren Abständen. „Ich führte ein Doppelleben. Beruflich war ich sehr erfolgreich, ich habe schnell viel Geld verdient.“ Seine Frau habe geahnt, dass er psychische Probleme hatte, dass er zu viel Alkohol trank, „aber die Kokainabhängigkeit wollte sie nicht wahrnehmen. Und im Kollegenkreis wurde es akzeptiert, weil ich sehr leistungsstark war“. Die Spirale von Arbeit und Abhängigkeit, mega drauf und dann wieder depressiv sein, „hat mich aufgefressen, und ich tat alles, um mich nicht zu spüren“.

Der Tiefpunkt nach insgesamt 22 Jahren Drogenabhängigkeit, davon zwölf Jahre Kokain: Seine Kollegen warfen ihn raus, „nachdem ich schwere Verfehlungen begangen und mich am Firmentresor vergriffen hatte“. Die Beziehung zerbrach, er verlor die Wohnung, „weil ich keine Miete mehr zahlte“, er musste bei einer Freundin unterkriechen. Die Nasenscheidewand war weggeätzt von den Massen an Kokain. „Ich war völlig unten, nichts ging mehr.“ Da war dann plötzlich „die Sehnsucht, Gott kennenzulernen“, H. spielte mit dem Gedanken, in ein Kloster zu gehen. „Ich wollte meine Schuld loswerden, Frieden finden.“ Zufällig stieß er auf das Angebot vom „Neuen Land“, in der Steintorfeldstraße nahm man ihn auf und an. „Ich musste aber clean für die Therapie sein, habe dann bei meinem Bruder vier Wochen selbst entgiftet.“ Kokain macht nicht körperlich abhängig wie Heroin, doch die mentalen Folgen des Entzugs sind ebenfalls die Hölle. „Ich war schwerst depressiv, hatte Suizidgedanken, konnte nicht aufstehen, alles war rabenschwarz, aber irgendwie konnte ich es doch aushalten“. Der erste Schritt ins neue Leben. Mit dem Entzug konnte er eine stationäre Langzeittherapie durchziehen.

Marion S.: Eine Flut von Wärme

Wie oft Marion S. entgiftet hat, weiß sie selbst nicht mehr so genau. 13- oder 14-mal in den 17 Jahren ihrer Abhängigkeit von Heroin, Kokain, Schlaftabletten und anderen Medikamenten sowie Alkohol. Vor allem das Heroin wollte nicht von ihr lassen, nachdem das erste Mal mit Anfang 20 „so unglaublich schön war“. Eine Flut von Wärme machte sich mit der Droge in ihr breit, eine Wärme, die sie in all den Jahren daheim so vermisst hatte. „Als mein Vater starb, war ich 16 Jahre, aber eigentlich war ich mental noch ein kleines Mädchen.“ Ein kleines Mädchen, das von da an in der Trauer und Wut, der Einsamkeit und der Suche kein Gehör und kein Echo fand, das die innere Leere später mit falschen Entscheidungen, falschen Männern, falschen Freunden und eben der falschen Droge versuchte aufzufüllen. „Zunächst hatte ich Bürokauffrau gelernt, konnte mir mit dem Job bei einer Krankenkasse eine Wohnung leisten.“ Eine frühe Heirat folgte mit einem Mann, der nach dreieinhalb Wochen Ehe im Gefängnis landete. So wie sie später auch, als sie beim Dealen erwischt worden war. Das damalige Café Connection wurde ihre zweite Heimat, schon fast die dritte Heimat diverse Polizeistationen und Gerichtsflure – Dealen ist verboten, auch wenn man ein kranker Mensch ist. 1995 landete sie im Knast in Vechta, 1996 ließ sie sich vom ersten Mann scheiden, lernte einen neuen Partner kennen, mit dem sie zehn Jahre „gemeinsam drauf war“. Nach Entzügen folgten Rückfälle. Und umgekehrt.

„2004 war dann nach einer Hausdurchsuchung ein Kripobeamter da, der in seinem Büro ein Poster von Gott hatte.“ Das Bild und die Worte des Mannes sprachen die bis dahin nicht gläubige Marion S. im Tiefsten an. „Meine Augen waren voller Tränen, als er von der Liebe von Gott und Jesus erzählte.“ In Kirchrode, im damaligen Auffanghaus für Frauen („Da spürte ich die Liebe, nach der ich mich gesehnt hatte“) machte sie erste Schritte zur Therapie, eine Langzeittherapie und spätere weitere zur Stabilisierung folgten.

Daniel S.: Erstklassige Kontakte in die Szene

Daniel S. hat die Drogen quasi in die Wiege gelegt bekommen. Beide Eltern abhängig von Heroin, „ich war in der Schule etwas Besonderes, weil ich mich mit Drogen so gut auskannte“, erzählt er, der im katholischen Bamberg (Franken) aufgewachsen ist. Seine eigenen Drogen, ab 15 Jahren Cannabis, später Crystal Meth und Kokain, konnte er sich leisten, weil er nach dem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als Lagerist im Getränkehandel absolviert und dort gearbeitet hat. Außerdem hatte er durch die Eltern erstklassige Kontakte in die Szene. Sein fröhliches Drogendasein platzte, als er mit 18 Jahren Psychosen bekam. Therapien und Rückfälle wechseln sich ab. „Ich habe mehrere Klinikaufenthalte hinter mir, musste wieder bei meinen Eltern einziehen.“ Keine Überraschung, dass man hier gemeinsam Drogen konsumierte, „die haben wir uns gegenseitig besorgt“. Erst im „Neuen Land“ – über eine Bewilligung der Deutschen Rentenversicherung – gelangte Daniel in stabile Verhältnisse. Und schließlich weg von den Drogen.

So ist es heute

Heute ist Axel H., der immer noch ein guter Anwalt ist, fest angestellt als Assessor beim Trägerverein „Neues Land“, hat dort eine Schuldner- und Rechtsberatung aufgebaut. Seit vier Jahren hat der Jurist keine Drogen mehr genommen. „Ich habe Jesus gefunden, ich brauche kein Kokain mehr. Ganz viel ist heil geworden in den vergangenen vier Jahren.“

Marion S. ist seit 16 Jahren clean. Sie arbeitet in Garbsen in der Tagespflege mit Senioren. Und lebt mit ihrem zweiten Ehemann, einem ehemaligen Drogenabhängigen, den sie in der Therapie kennenlernte, „glücklich und geliebt“ zusammen. Ehrenamtlich hilft sie im „Neuen Land“ aus.

Daniel hat während seiner Therapie seinen Realschulabschluss und sein Fachabitur nachgeholt und will jetzt Soziale Arbeit studieren. „Vom Hilfenehmer werde ich zum Helfenden, das hat mich gesund gemacht“, sagt er. Er hat seit fünf Jahren keine Drogen mehr angerührt. „Ich fühle mich frei und am Leben.“

 

Michael Lenzen und Daniela Keil, Neues Land e.V., 09.09.2022